Dreimal Schottland
2022, 2023 und 2025 durfte ich in Schottland jagen. Immer mit unterschiedlicher Begleitung, aber immer im selben Revier in den Highlands. Immer samstags geht es los, mit dem Auto nach Amsterdam und dann mit der Fähre nach Newcastle. Die Überfahrt ist für mich schon immer das erste und das letzte Highlight in
diesem Abenteuerurlaub.
Nach der Überfahrt geht es in ca. 2 Stunden mit dem Auto zur Unterbringung auf einem Hof, der zu dem Revier gehört. Ich habe diese Unterkunft meiner Tochter einmal so beschrieben: Wie eine alte, schottische Dame, die in ihrem mottenzerfressenen Pelz in einem Café sitzt und sich, an die guten alten Zeiten denkend, an ihrer Tasse Tee festhält, den kleinen Finger zierlich abgespreizt. Eine Badewanne auf Löwenklauen, ein Duschkopf, der mit Schnur in Position gehalten wird. Eine Küche, die beim Abspülen einen wunderbaren Blick in den alten, mit Mauern umgebenen Garten frei gibt. Und einem Loch im Fußboden, das der Legende nach ein Jäger aus einer vorangegangenen Gruppe hinein geschossen hat. Alte Bilder an den Wänden, abgerockte Möbel, ein Raum zum Trocknen der Ausrüstung (sehr wichtig), und ein altes Ehepaar, das nebenan wohnt. Die Besitzer all dieser Herrlichkeit! Gejagt wird auf 3000 ha, überwiegend Hochland mit nur kleineren Waldabschnitten in den tieferen Lagen. Der höchste Punkt des Reviers liegt auf 700m.
Man jagt dort „auf eigene Faust“, also ohne Stalker, und das bedeutet, man muss sich das Revier selbst erschließen. Das Gelände, wie die gesamte Jagd ist sehr anspruchsvoll. Man muss viel laufen, um das Wild auszumachen, versinkt dabei mitunter bis zu den Knien im Moor, muss Flüsse und Bäche überqueren, steile Hänge hinauf- und hinabsteigen, also wirklich ein Abenteuer, bei dem die Abschusszahl nicht das Maßgebliche, aber auf der anderen Seite auch unbegrenzt ist, und bei dem man immer mal wieder an seine Grenzen kommt. Denn je nach Wind und Wetter kann man großen, bis keinen Abschuss generieren. 2024 z.B. hatte unsere Gruppe viel Waidmannsheil, aber da war ich leider nicht dabei. Was wir dort so schätzen: Es gibt keine festen Wege, und man ist den ganzen Tag unterwegs, ohne auf andere Menschen zu stoßen. Die Landschaft ist herrlich! Seen und ungezählte Tümpel finden sich dort, die unterschiedlichsten Moosarten, Heide, Preiselbeeren und darüber der weite schottische Himmel. Und hinter jeder Steigung gibt es etwas Neues zu sehen.
Dieses Jahr, da hätte ich fast… Waidmannsheil gehabt! Ich lag auf einem Spot, ca. eine halbe Stunde lang und dachte mir: Geh mal so 25 Meter weiter, da ist ein Taleinschnitt, es kann doch gut sein, dass dort die Hirsche in der Deckung gerne ziehen. In geduckter Haltung bin ich also los, und ganz genau in diesem Taleinschnitt kam der Hirsch, alleine! Also in das weiche, nasse Torfmoos geworfen, zur Waffe gerollt: Und der Hirsch spitz von mir weg. Die restliche Stunde habe ich mich in alles gehüllt, was ich so an Ausrüstung hatte, denn die Mücken suchten ihr Waidmannsheil bei mir und fanden es auch. Aber wie gesagt: Leerer Beutel und volles Herz: Mein Mann und ich hatten einen Moment dort, der jagdlich Null, aber im Herzen 100 Prozent war. Nachmittags, zur zweiten Runde im Revier, standen wir an einem Spot, quasi in der Mitte des Reviers, in einem Taleinschnitt. Ein Felsblock, hoch wie eine Theke, und auch so breit, dem Wind abgewandt, und wir dachten uns so: hier können wir auch einfach mal bleiben, die Auflage ist gut, wir sind ein bisschen müde und wollen eigentlich nicht weiter gehen. Plötzlich zischte mein Mann zwischen den Zähnen: nicht bewegen! Ein Kahlwildrudel kam Stück für Stück über die Anhöhe zu unserer Linken hinauf, verhoffte, äugte und zog direkt auf uns zu. Die Kälber rangelten spielerisch miteinander und das Leittier zog auf nicht mal 30 Metern an uns vorüber, ihr Rudel an uns vorbeiführend. Da es den ganzen Tag geregnet hatte, blieb ein Stück nach dem anderen stehen und schüttelte sich das Wasser aus der Decke, ein tolles Bild. Nur das Stück, das zuletzt an uns vorbeizog, verhoffte immer mal wieder und äugte in unsere Richtung, als würde es in Frage stellen wollen, ob das alles so in Ordnung sei. Das dort ist mein Herzensort geworden, auch wenn ich noch nie Waidmannsheil dort hatte.
Unter einer Plane im prasselnden Regen liegen, Tee aus der Thermoskanne trinken und ein Sandwich essen. Die Gemeinschaft mit den anderen Jägern, Abende am Kamin mit
einem Whisky, und dann sehr müde und früh ins Bett fallen, weil es am nächsten Morgen früh raus geht. Die Weite, das Entdecken, die Mühsal, die Gemeinschaft, und das „ sich aufeinander verlassen können“. Und dann klar: die Rückfahrt mit der Fähre, vielleicht mit starkem Seegang, mit Bingo, leckerem Essen und Livemusik. Und wer weiß, vielleicht kommen wir doch noch einmal dorthin zurück, an diesen Herzensort in Schottland
Katrin J.




