Gamsjagd in Österreich

einmal zur Gamsjagd ...

Einmal zur Gamsjagd

Geschürt durch allerlei Literatur bekannter Jagdschriftsteller, spannende Erzählungen meines Großvaters und nicht zuletzt neuerer Reiseberichte war es mein Traum, einmal eine klassische Gamsjagd zu erleben. Dazu sollten wilde Berglandschaft, körperliche Anstrengung, Hüttenzauber und natürlich Gamsböcke gehören. Endlich nun war es soweit. Schon im Januar war der Kontakt zu einem Gut im Kärntner Land hergestellt. Der Gutsverwalter wollte mich persönlich führen. Vereinbart waren drei Jagdtage gleich zu Beginn der Gamsjagd am 1. August.

So startete ich am 30. Juli, um am 31. nachmittags für die letzten Vorbereitungen und den Aufstieg zur Hütte rechtzeitig einzutreffen. Nachdem der Gutsverwalter und ich kurz den Ablauf der Jagdtage besprochen hatten, gingen wir den für die drei Tage notwendigen Proviant einkaufen. Er bestand aus einem Brotleib, einem Stück Speck, einem Stück Käse, etwas Butter, zwei Flaschen Rotwein und einer Flasche Birnenschnaps. Das sollte nach Meinung des Gutsverwalters ausreichen. Nachdem meine Ausrüstung kurz auf ihre Bergtauglichkeit geprüft wurde, fuhren wir mit dem Geländewagen bis zum Ende eines fahrbaren Wegs, der auf 1.100 Metern lag. Die Hütte lag auf etwa 1.750 Metern und wäre in einer guten Stunde erreichbar. Nach zehn Minuten wurde der Rucksack schwer, nach 20 Minuten war ich durchgeschwitzt, wohingegen Ferdinand (wir duzten uns bereits wie unter Bergjägern üblich) keinerlei Anzeichen einer Anstrengung zeigte. Die Hütte selbst war urig mit einem Holzofen, einem Tisch, zwei Stühlen, einer Bank und zwei Betten. Fließendes Wasser gab es 100 Meter entfernt, wo es glasklar und kalt aus den Felsen strömte. Im Gegenhang konnte man in etwa 1.500 Metern Entfernung an die 30 Stück Gamswild sehen, die sich ockerfarben vom Grün abhoben.

Aufbruch zur Jagd

Am nächsten Morgen um fünf Uhr weckte mich Ferdinand. Nach einer Scheibe Brot und einer Tasse Instantkaffee brachen wir auf. Er mit selbstgebautem Tragegestell, an dem seine vierjährige BGS-Hündin angebunden wurde, ich mit Rucksack, Fernglas, Spektiv und Waffe. Zunächst ging es entlang eines bewaldeten Berghangs auf einem nur schwer zu erahnenden Steig. Wir querten mehrere Steinlawinenfelder und erreichten nach einer guten Stunde eine Stelle an der Baumgrenze, von der aus wir mehrere Hänge abglasen konnten. Ferdinand nahm nach einigen Minuten das Spektiv, um ein einzeln stehendes Stück als Bock anzusprechen, den es anzugehen lohnen sollte. Auf meine Frage, wie weit er denn entfernt sei, meinte er nur etwa zwei bis zweieinhalb Stunden und marschierte los. Es kostete mich einige Anstrengung, ihm unmittelbar zu folgen, aber ich wollte auch keine Schwäche zeigen. Wir verließen die Baumregion, kletterten über Geröllhalden und Grate in Kare hinein und erreichten nach gut zwei Stunden den Hang, in dem der Bock stehen sollte. Wir schoben uns vorsichtig über den letzten kleinen Grat und sahen – nichts! Der Bock schien überriegelt zu sein. Wir wollten abwarten, bis er wieder zum Vorschein kommen würde. Ferdinand machte ein Nickerchen, während ich mit nachlassender Aufmerksamkeit in die bezaubernde Gegend schaute. Es mussten 45 Minuten vergangen sein, als ich plötzlich 150 Meter hinter und 100 Meter unter uns einen Gams ausmachte, der ruhig äsend aus einem Latschenfeld zog. Ferdinand meinte, das wäre er und er würde passen, woraufhin ich mich einrichtete. Nachdem eine Nebelwand mir kurz die Sicht nahm, kam ich gut auf den etwas schräg stehenden Bock ab. Er fiel im Knall, rollte den Hang hinab und verschwand in einem kleinen Graben. „Der hat Schuss“, sagte Ferdi, den ich mit klopfendem Herzen fragend ansah. In aller Ruhe holte er den Käse aus dem Rucksack, schnitt jedem eine dicke Scheibe ab und nach einer kleinen Pause stiegen wir zum Anschuss hinunter. Große Erleichterung überkam mich, als wir den Bock mit bestem Schuss längst verendet im Graben fanden. Und helle Freude erfasste mich, als die Zählung der Jahresringe ergab, dass mein erster Gamsbock zwar kein kapitaler, aber immerhin acht Jahre alt war. Schnell wurde er versorgt. Wir machten nun eine richtige Pause, genossen die Fernsicht und ich hätte mit niemandem tauschen wollen. Bald aber mahnte Ferdi zum Aufbruch. Keine Frage, der Erleger trägt auch seine Beute, meinte er und verschnürte den Gams auf dem Tragegestell, welches somit gut 35 Kilogramm schwer wurde und sich auf meinen diesbezüglich untrainierten Schultern entsprechend bemerkbar machte … Zurück auf der Hütte verbreitete der angeheizte Holzofen schnell wohlige Wärme, und mit einem Glas Wein sowie einem „Stamperl“ ließen wir diesen schönen Tag ausklingen.

Der zweite Jagdtag

Am nächsten Morgen ging es wieder früh hinauf. Wir stiegen durch den nassen Bergwald und über rutschige Steine, da es in der Nacht geregnet hatte. Von demselben Aussichtspunkt wie gestern war heute kein Wild auszumachen. Ferdi beschloss zurück Richtung Hütte zu pirschen und es im Wald auf einen bestätigten Bock zu versuchen. Am Rande eines Geröllfeldes blieben wir in Deckung stehen und beobachteten. Vor uns lag eine gut hundert Meter breite und etwa 500 Meter lange Steinlawine mit einem großen Durcheinander von tonnenschweren Felsen, ausgerissenen Kiefern, deren Wurzelteller nach oben ragten, und Latschenkiefern. Plötzlich entdeckten wir schräg unter uns den Bock. Er stand auf einem Wurzelteller und sicherte gegen den Hang. Ferdi sprach ihn als jagdbar an und mahnte zur Eile. Schnell fasste ich das Ziel, und im Knall sprang er von dem Wurzelteller hinunter und verschwand zwischen den Felsen, um jedoch Sekunden später 15 Meter tiefer wieder zu erscheinen. Schon war die zweite Kugel heraus, woraufhin er stürzte und verendet an einer umgebrochenen Kiefer liegen blieb.  Ich atmete durch, das war alles sehr schnell gegangen. Langsam lösten wir uns aus der Deckung und stiegen mühsam zum Bock hinunter. Beide Schüsse saßen direkt hinterm Blatt. Der Bock war siebenjährig, etwas enggestellt. Ferdi war zufrieden und ich mehr als glücklich.

Den Nachmittag nutzten wir zum Auskochen und Präparieren der Trophäen und genehmigten uns dazu ein, zwei Stamperl. Wir beschlossen, die Jagd zu beenden. Wir genossen diesen letzten Abend in den Bergen und der Einsamkeit, gönnten uns die zweite Flasche Wein und verzehrten den Rest unseres Proviants. Wir saßen vor der Hütte, neben uns die beiden Gams, und blickten in die Ferne. Nein – so schön hatte ich es mir nicht einmal vorgestellt. Man muss es eben selbst erleben, um die tiefe Befriedigung nach anstrengenden und erfolgreichen Bergjagdtagen zu erfahren. Für mich stand fest: ich werde wiederkommen – einmal – oder mehrmals?

(Dazu kam es vier Jahre später – Bericht folgt)

NB

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