Steinbockjagd in der Schweiz

"bouquetin male"

Heute leben im Alpenraum wieder deutlich über 40.000 Stück Steinwild, wovon ein Großteil in der Schweiz vorkommt. Der hohe Bestand erfordert seit einigen Jahren wieder eine Bejagung, die streng lizensiert und selektiv durchgeführt wird.

„Bouquetin male …“ Steinbockjagd in der Schweiz

Die Lizenz
Ende März leere ich abends beim nach hause kommen meinen Briefkasten und zwischen Werbesendungen und Rechnungen finde ich auch einen Brief aus der Schweiz. Da Skiurlaub dieses Jahr nicht vorgesehen ist, frage ich mich, was man von mir will. Mit dem Anschreiben auf Französisch kann ich dank altsprachlicher Schulbildung leider nichts anfangen. Also bitte ich eine Freundin mir den Brief zu übersetzten. Da steht etwas von einer Lizenz, es geht offenbar um Jagd, bouquetin male ist, wie sich herausstellt, ein männlicher Steinbock und langsam dämmert es mir: ich hatte vor langer Zeit eine Steinbocklizenz in der Schweiz beantragt, was aber aufgrund der jahrelangen Wartezeit in Vergessenheit geraten war. Ich sollte mich bei einem Wildhüter namens Philippe melden und alles Weitere verabreden.

Das war der Hammer! Ich hielt eine der wenigen und sehr begehrten Lizenzen für einen Alpensteinbock in der Hand. Eine Jagd in den schweizer Alpen, die ich nur vom Skifahren und Wandern her kannte und die als Jagdreiseland kaum bekannt sind. Jagden auf Gams in Österreich und Bayern hatte ich zwar schon unternommen, aber Steinwild ist nun mal etwas ganz Besonderes, eben sehr selten. Ich rief diesen Philippe an, der erstaunlich gut Deutsch sprach, und verabredete mit wenigen Sätzen eine Jagd für den 5. Oktober, zwei bis drei Tage.

Reisevorbereitungen
Um bei meiner Freundin berechtigtes Unverständnis für eine weitere Auslandsjagd zu vermeiden, verpackte ich diese als bewaffnete Bergwandertage in mehrere Tage komfortable Hotelaufenthalte mit Wellness und Sightseeing vorher und hinterher. Am ersten Oktober starteten wir dann und verbrachten erholsame Tage im Hochschwarzwald und am Vierwaldstätter See. Am 5. Oktober fuhren wir dann entlang des Genfer Sees, der sich im Sonnenschein mit seinem glasklaren blauen Wasser vor schneebedeckten Berggipfeln von seiner schönsten Seite zeigte. Weiter südlich erreichen wir das romantische Städtchen St. Maurice, wo wir in einem kleinen Hotel um 19:00 Uhr Philippe treffen, wie vor Monaten verabredet – schweizer Zuverlässigkeit! Philippe ist Ende dreißig, sehr sympathisch und Wildhüter über mehr als 30.000 Hektar Bergwelt. Neben der Verabredung für den nächsten Morgen erfahren wir auch viel über die Jagd und das Steinwild in der Schweiz.

Wissenswertes zum Alpensteinbock
So gehen die heutigen Bestände auf Auswilderungen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zurück, nachdem das Steinwild zuvor durch Schutzmaßnahmen im Nationalpark Gran Paradiso vor dem Aussterben bewahrt wurde. Zuvor wurde ihm ungehemmt nachgestellt, da man allerlei Heil- und Zauberkraft aus Fleisch und Knochen zu gewinnen glaubte. Heute leben im Alpenraum wieder deutlich über 40.000 Stück Steinwild, wovon ein Großteil in der Schweiz vorkommt. Der hohe Bestand erfordert seit einigen Jahren wieder eine Bejagung, die streng lizensiert und selektiv durchgeführt wird. So werden in einigen Kantonen die Lizenzen durch Lotterien unter einheimischen Jägern vergeben und nur im Kanton Wallis besteht auch für ausländische Jäger die Möglichkeit eine Lizenz zu beantragen. Einer Quote von 40 Steinböcken steht dann aber eine vielfache Nachfrage aus der ganzen Welt gegenüber, sodass die Wartezeit mehrere Jahre beträgt. Freigegeben werden für Ausländer nur Steinböcke der Altersklasse ab elf Jahre.

Steinböcke erreichen ein Alter von etwa fünfzehn Jahren und da das Gehörn das ganze Leben lang wächst, haben sie dann Schlauchlängen zwischen 80 und 100 cm. Sehr selten werden stärkere erlegt, wobei der Rekord zwar bei 115 cm liegt, der stärkste der letzten Jahre aber bei 108 cm. Das natürliche Ende kommt für die Steinböcke in dem harten Klima dann meist sehr schnell und sie verenden in kaum zugänglichen Einständen, weshalb kaum verendete Stücke gefunden werden und etwas Mystik über den Verbleib dieser alten Herren schwebt.

Das Steinwild kommt sowohl in der Waldregion als auch in den kargen Felseinständen bis 3.000 Meter zu jeder Jahreszeit vor. Die Jagd wird als reine Pirsch ausgeübt, bei der oft den ganzen Tag über etliche hundert Höhenmeter gestiegen werden muss, und die daher eine gute Kondition und möglichst Bergerfahrung vom Jäger erfordert.

Der erste Jagdtag
Wir sind auf alle Eventualitäten einschließlich einfacher Hüttenübernachtung eingestellt und treffen uns morgens um vier Uhr vor dem Hotel. Francois, ein alter Hilfswildhüter, ist mit von der Partie und gemeinsam fahren wir durch die Nacht das Tal entlang Richtung Martigny, biegen dann aber auf eine Bergstraße ab und schrauben uns auf Serpentinen durch den Wald auf eine Höhe von etwa 1.500 Metern. Hier stellen wir den Wagen ab und beginnen im ersten Licht die Pirsch, die uns entlang eines schmalen Pfades durch einen bewaldeten Berghang führt. Weit unter uns sehen wir die Lichter des Tales und nicht weit entfernt schreien sogar Hirsche, deren Brunft hier oben weit in den Oktober geht. 

Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir die Baumgrenze und pirschen weiter durch Erlenbüsche, was zunehmend beschwerlicher wird, denn mit dem großen Rucksack und dem Gewehr bleibt man andauernd hängen. Plötzlich verharrt Francois, der als erster geht. Wir schließen auf und auf einer kleinen Blöße auf höchstens 60 Meter äst vertraut ein Steinbock. Einen zweiten können wir schemenhaft etwas weiter ausmachen. Philippe ist für die Selektionsentscheidung zuständig und spricht den Bock als achtjährig, d.h. mindestens drei Jahre zu jung, an. Der Anblick ist aber imponierend. Der Bock wirkt gedrungen, kompakt, soll gut 100 kg wiegen und Hornlängen um 80 cm haben. Wir beobachten dieses faszinierende Wild bis es in die Deckung zieht und pirschen dann weiter, ohne weiteres Wild zu sehen. Gegen Mittag erreichen wir eine urige, über 100 Jahre alte Jagdhütte, in der wir etwas Gepäck ablegen können und wo Philippe auf dem gusseisernen Holzofen allerfeinste Rehmedaillons mit Beilagen zubereitet. Dazu lassen wir uns vor der Hütte in der Sonne einen wallisischen Rotwein schmecken und dieses Ambiente übertrifft allemal den Fünf-Sterne-Luxus der vorherigen Tage! Am Nachmittag steigen wir auf knapp 2.700 Meter Höhe in die Felsregion, wo spärliche Moose, Flechten und Schneefelder kaum Wildeinstände vermuten lassen. Von einem Felsen aus beobachten wir die Hänge und entdecken auch bald Steinwild. Es kommen auf weite Entfernung etwa dreißig Böcke in Anblick, darunter auch drei alte mit Hornlängen über 90 cm. Da sie aber von ihrem Standort aus beste Übersicht haben, ist an ein Angehen nicht zu denken. So machen wir uns an den Abstieg, um noch bei Tageslicht wieder zur Hütte zu kommen. Wir wollen dort übernachten, um es am nächsten Morgen von der anderen Bergseite her zu versuchen. Dieser romantische Hüttenaufenthalt bei leckerem Essen, gutem Wein, Kerzenschein und Bergjagdgeschichten wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Erst spät kriechen wir in unsere Schlafsäcke, die auf dünnen Matratzen und hundert Jahre alten Brettern liegen.

Am zweiten Jagdtag
Am nächsten Morgen geht es früh wieder los, nachdem wir aufgeräumt und auch allen Abfall eingepackt haben. Die Pirsch führt uns wieder durch den Bergwald. Es ist kalt und Nebelfetzen schweben durch die Baumkronen. Als wir uns einer kleinen Rodungsfläche nähern ist es wieder Francois, der das Wild zuerst erblickt. Drei Steinböcke äsen dort auf nur 80 Meter vor uns, ein Altherrenclub, alle deutlich über 90 cm, wie mir Philippe unter seinem Fernglas hervor zuraunt. „Fertigmachen“ – ich streife den schweren Rucksack ab und streiche am Bergstock an. Irgendetwas haben die Böcke mitgekriegt; sie werfen auf und sichern zu uns herüber. Sie stehen teilweise verdeckt und einer zieht einige Meter höher auf einen Felsen. Wie eine Statue steht er dort vor dem Hintergrund der Berge. „Das ist der Älteste – schießen“ zischt Philippe und ich komme bergauf schräg von vorne auf dem Blatt ab. Im Knall fällt der Bock und die anderen flüchten bergauf. Das ging schnell. Durchatmen, der Bock liegt. Wir warten noch einige Minuten und gehen dann hinüber. Am Stück sind Philippe und Francois ganz aus dem Häuschen.

Die Zählung der Schübe weist auf ein Alter von 14 Jahren. Wir schätzen gut 95 cm, aber das Maßband belehrt uns: 102 cm Hornlänge; Gleichmäßiger Schwung, ausgeprägte Schmuckwülste, 60 cm Auslage – ein kapitaler Steinbock! Wir sind seelig, damit hatte keiner von uns gerechnet. Nach ausgiebigem Fotografieren zerlegen wir den Bock und verteilen das Wildbret auf unsere vier Rucksäcke. Philippe trägt zusätzlich das schwere Haupt und der Abstieg wird noch sehr lang und beschwerlich, aber das macht einem nach so einem Erlebnis nichts mehr aus. Wir sind erfüllt von den Eindrücken der Steinwildjagd in einer herrlichen Bergwelt fernab von jeglichem Tourismus und das mitten in Europa!

NB

Landkarte Schweiz
Genfer See
Genfer See vom Wallis
Alpensteinböcke
Steinbockjagd Schweiz
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