Kombinationsjagd in Kanada

Schon als kleiner Junge lauschte ich den Jagdberichten meines Großvaters, der in den 60er Jahren in Alaska und Kanada gejagt hat, und bewunderte immer wieder ein starkes Elchgeweih, das auf der Terrasse stand.

Flug ins Hauptcamp

Später verschlang ich dann die Jagdliteratur über Nordamerika und träumte davon, eines Tages selbst dort zu jagen. Da ich beruflich viel mit Jägern zu tun habe, kenne ich den Vorsatz, wenn man erst einmal dieses oder jenes Alter erreicht hat, dann die große Jagd zu unternehmen. Leider bleibt es meist bei diesem Vorsatz, denn später hat man vielleicht die Mittel, aber nicht mehr den Unternehmungsgeist oder die körperliche Fitness für eine anstrengende Wildnisjagd.  

Die Vorbereitung
Je eher man aber seinen „Lebenshirsch“ oder einen anderen Jagdtraum verwirklicht, desto länger hat man etwas von der Erinnerung und kann sich an der Trophäe erfreuen. Ob dieser Erkenntnis reifte in mir der Entschluss, eine Jagd in Alaska zu unternehmen und im Herbst 2004 begann ich mit der Recherche. Wie ich schnell erfuhr, war ich für Alaska bereits spät dran und die besten Termine für Elch- und Bärenjagden des nächsten Jahres bereits vergeben. Irgendwie stieß ich dann im Internet auf die Anzeige eines kanadischen Outfitters, der zwar keine Braunbären, dafür aber neben Jagden auf Elche auch Dallschafe, Schneeziegen und Karibus in den Mackenzie Mountains, North West Territories, anbot. Da man diese Wildarten sogar bei einer Jagd kombinieren konnte, war mein Interesse geweckt und ich nahm Kontakt auf. 

Gleich am nächsten Tag hatte ich bereits per Email ausführliche Antwort und sogar auf Deutsch, da die Eigentümer des Outfits gebürtige Österreicher waren. Nach noch regem Frage-Antwort Austausch und einem ausführlichen Gespräch auf der Messe in Dortmund wurde die Reise für die ersten zwei Wochen im September 2005 festgezurrt.  

3 Millionen Hektar Jagdgebiet, keine Straßen oder Siedlungen, einzig mit dem Buschflugzeug und Helikopter erreichbar und Jagd von spike-camps aus waren Bedingungen, die mich reizten. Die Jagd sollte ausschließlich zu Fuß stattfinden und da die Schafe und vor allem die Schneeziegen in den höchsten Bergregionen stehen, begann ich bereits im Frühjahr mit der Vorbereitung: regelmäßiges Joggen sowie Wandern mit Bergstiefeln und Gepäck. Auch die nötige Ausrüstung und Bekleidung kaufte ich sorgsam zusammen und arbeitete so die hilfreiche Ausrüstungsliste des Outfitters ab.  

Die Reise beginnt
Am 30. August startete ich dann in Hamburg und flog über Frankfurt und Vancouver nach Edmonton, wo ich übernachtete. Am nächsten Morgen ging es über Whitehorse nach Fort Simpson. Dort traf ich einen weiteren amerikanischen Jäger, der beim selben Outfitter gebucht hatte und gemeinsam wurden wir zur Buschfliegerstation gebracht. Der 25-jährige Pilot erkundigte sich nach unserem Ziel, suchte es auf der Karte, schaute in den Himmel und meinte, wir könnten gleich starten, und schon saßen wir in diesem kleinen Flieger. Nach nur einer Minute verschwand mit der letzten Straße auch das letzte Zeichen der Zivilisation. Wir flogen eine gute halbe Stunde über Tundraflächen und Seen, dann noch mal so lange über hohe Berge, tiefe Schluchten und Gletscher. Nach einer guten Stunde und zwanzig Minuten in dieser wackeligen Kiste erschien unter uns ein breites Flusstal und wir erblickten am steinigen Ufer einige Blockhütten und landeten auf einer nur zu erahnenden Schotterpiste daneben. Herzlich begrüßt wurden wir vom Outfitter Werner, seiner Frau Sunny und zwei Jagdführern. Zwei amerikanische Gäste, die auf Dallschafe gejagt hatten, wurden mit unserer Maschine ausgeflogen.

Die Jagd begint
Es ist früher Nachmittag. In zwei Stunden sollen wir mit dem Hubschrauber in unsere Jagdgebiete geflogen werden. Mir ist der Jagdführer Pete zugeteilt. Wir werden die nächsten 14 Tage zusammen sein. Pete ist Anfang fünfzig, gebürtiger Tscheche, lebt und jagt aber seit über 20 Jahren in British Kolumbien, dem Yukon und hier in den North West Territories. Er wird sich als ruhiger, erfahrener und sehr fürsorglicher Jagdführer erweisen. Zwischenzeitlich beziehen wir eine Blockhütte und packen mit unseren Jagdführern die Ausrüstung und Verpflegung für etwa sieben Tage zusammen. Große Rucksäcke, Schlafsäcke, Isomatten und neue Einmannzelte, Kochgeschirr sowie gefriergetrocknete Tütengerichte. Danach machen wir einige Probeschüsse. Ich führe meine 30.06, nachdem Werner meine Bedenken zerstreut hatte und dieses Kaliber auf alle vorkommenden Wildarten für geeignet hält.

Wir beladen den Hubschrauber und bald erheben wir uns unter dem Getöse der Turbine und schweben über den Fluss, das Tal entlang und über die Berge. Schneebedeckte Gipfel und schroffe Felsen ziehen unter uns hinweg, immer neue Täler tun sich auf und zahllose Flüsse und Bäche durchziehen das Gebiet. Werner weist den Piloten ein und nach zwanzig Minuten landen wir in einem Flussbett und setzen den Amerikaner und seinen guide ab. Keine Minute später heben wir schon wieder ab und fliegen nochmals zwanzig Minuten weiter in ein Gebiet, welches seit Jahren nicht betreten wurde, in dem aber beim Überfliegen mit der Cessna sowohl Elche als auch Schafe und Karibus gesichtet wurden.

Wir gehen tiefer, um einen geeigneten Camp- und Landeplatz zu finden. An einem Bachlauf sehen wir eine geeignete Stelle, als dort plötzlich ein Grizzly auftaucht, den wir offenbar beim Äsen von Beeren gestört haben. Wir fliegen eine Schleife und treiben den Bären vom Landeplatz fort. Er verzieht sich nur widerwillig, aber nimmt immer wieder verhoffend den gegenüberliegenden Hang an. Vom Anblick dieses starken Braunbären, bin ich sehr beeindruckt. Der Hubschrauber landet auf einer Sandbank und gebückt unter dem laufenden Rotor laden wir unser Gepäck aus. Daumen hoch und der Heli erhebt sich wieder. Schnell verliert sich sein Geräusch in der Weite und wir sind allein. Ich rechne mir aus, dass wir über hundert km vom Hauptcamp und etwa 300 km von Fort Simpson entfernt sind. 

Früh wird es dunkel und nach einer warmen Suppe kriechen wir in die Schlafsäcke. Meine erste Nacht seit vielen Jahren im Zelt. Nur das Rauschen des nahen Baches ist zu hören, durch die Zeltplane schimmert das Nordlicht. Morgen beginnt der erste Jagdtag, harte Arbeit wartet laut Pete auf uns. Diese Vorfreude ist eigentlich das Schönste an der Jagd. Ich schlafe tief und fest.

Am nächsten Morgen starten wir gegen acht Uhr und marschieren in ein Tal, an dessen Ende auf etwa sechs Kilometer sich schneebedeckte Berge erheben. Wir durchqueren eiskalte, klare Flüsse, durchwandern mit Erlen bestandene sumpfige Flächen und müssen immer wieder steile und felsige Partien überwinden. Gegen drei Uhr nachmittags erreichen wir einen Grat, von dem aus wir auf anderthalb Kilometer in einem Hang drei Dallwidder als kleine weiße Punkte entdecken. Mittels Spektiv spricht Pete zwei jüngere Widder und einen so gerade Jagdbaren an. Jagdbar ist ein Widder mit „full curl“, etwa acht bis neun Jahren. Er meint, wir würden noch etwas Besseres finden und so machen wir uns auf den Rückweg. Gegen acht Uhr erreichen wir im letzten Licht unsere Zelte. Ich bin totmüde und schliefe sofort nach dem Abendessen, wie immer aus der Tüte, in meinen Schlafsack ein.

Anderntags machen wir dieselbe Tour, sehen wieder dieselben Widder, aber leider nichts „Besseres“. Auf dem Rückweg begegnen wir einem Grizzly, der auf 200 Meter unseren Pfad kreuzt. So zu ebener Erde wirken sie noch beeindruckender. Instinktiv fasse ich nach meiner Büchse, aber er nimmt keine Notiz von uns. Lizenzen für Grizzlies werden in den Mackenzie Mountains nur an Einheimische vergeben, daher bleibt nur die für sich schon aufregende Beobachtung.

Dallschaf und Karibu am 3. Tag
Auch am dritten Tag unternehmen wir eine anstrengende Pirsch in dieses Tal. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mir vornehme, jeden Widder, so er nur schussbar ist, zu erlegen. Gegen elf Uhr erreichen wir ein ausgedehntes Hochplateau auf dem wir auf etwa einen Kilometer vier Karibus sehen. Einer davon ist ein „shooter“, wie Pete mir nach eingehender Ansprache durch das Spektiv sagt. Jetzt gilt es: wir pirschen sie immer in Deckung von Gräben, Bachtälern und Hügeln an. Als wir meinen, nah genug heran zu sein, schieben wir uns bäuchlings einen Hang hoch und erblicken drei Bullen auf hundert Meter vor uns. Aber wo ist der Starke? Plötzlich taucht er auf nur 60 Meter viel weiter rechts von uns auf und zieht schräg von uns weg. Pete nickt mir zu, ich richte mich auf und schieße von schräg hinten auf die letzte Rippe. Der Karibubulle zeichnet deutlich, zieht einige Schritte weiter, wankt und bricht kurz darauf zusammen. Pete hält die Trophäe mit 36 Enden, guter Schneeschaufel und weiter Auslage für kapital. Nach einigen Fotos zerlegen wir das Stück und deponieren das Wildbret in Plastiktüten in einem Bach, um es später zu bergen. Gemäß kanadischem Jagdgesetz muss alles Wildbret geborgen werden, was einen bei dem starken Wild nicht selten vor erhebliche Probleme und Strapazen stellt. Wir setzen unsere Pirsch fort und erreichen nach einer guten Stunde wieder den Grat, von wo aus wir die Widder an den Vortagen sahen. Dieses Mal ist ein etwa 10-jähriger dabei und sie liegen auf einem Felsvorsprung, von dem aus sie die ganze Ebene unter sich beobachten können. So bleibt uns keine andere Möglichkeit, als abzuwarten.

Nach über einer Stunde in dem kalten Polarwind sind wir ziemlich durchgefroren, als sich die Widder erheben und um einen Felsen herum unseren Blicken entziehen. Sofort machen wir uns auf und überqueren die Ebene so schnell wir können. Dann steigen wir in den Hang ein, oberhalb dessen die Widder lagen. Vorsichtig pirschen wir weiter, Pete voran, als dieser sich plötzlich duckt und mir zu verstehen gibt, dass die Widder dicht vor uns sind und ich die letzten Meter vorpirschen bzw. vorkriechen soll. Der hinterste Widder wäre der Starke. Ich blicke vorsichtig über den kleinen Grat und sehe sie auf nur 80 Meter unter mir. Sie bekommen aber sofort Wind und flüchten bergan eine Geröllhalde hoch. Ich ziehe auf den letzten Widder mit und im Knall verschwinden alle vier in den Felsen. Pete hat dies nicht sehen können, springt aber auf, und wir sehen, wie drei Widder einige hundert Meter weiter und oberhalb gegen uns verhoffen. Es sind die jüngeren. Wir warten zehn Minuten, gehen dann zum Anschuss und folgen einer gut sichtbaren Schweißfährte. Nach hundert Metern liegt der Widder auf einer kleinen Grasfläche zwischen den Felsen. Es ist der Alte, wir sind erleichtert. Gut 38 Inch, zehn Jahre. Die Kugel hatte ihn hinterm Blatt gefasst und Ausschuss geliefert. Wir bewundern die reife Trophäe und das rein weiße Fell, machen die obligatorischen Fotos und uns schnell ans Zerwirken, denn dass wir auf dem Rückweg in die Dunkelheit geraten ist bereits sicher und hier in den Bergen nicht ungefährlich.

Pete nimmt das Haupt und die Decke des Widders auf, ich später das Haupt des Karibus. Es wird ein sehr beschwerlicher Weg zurück ins Camp und ich muss später alle 200 Meter eine Pause einlegen, denn mein Gepäck hat sich auf wohl 30 kg erhöht und mit dem ausladenden Geweih bleibe ich überall in den Büschen hängen. Gegen ein Uhr erreichen wir die Zelte. Ich bin völlig fertig, kann mich gerade noch ausziehen und falle in Tiefschlaf in dem Moment wie mein Kopf das Kissen berührt.

Den nächsten Tag verbringen wir im Camp mit der Trophäenvorpräparation und beobachten die Umgebung von einem nahe gelegenen Hügel. Sehr viel weiter hätte ich auch nicht gehen können. In der Ferne sehen wir vereinzelt ein Karibu und Elchkahlwild.

Am fünften Tag beschließt Pete umzusetzen. Wir telefonieren per Satellitentelefon mit dem Hauptcamp, die uns nachmittags den Hubschrauber schicken wollen. Mit ihm setzen wir dann über die nächste Bergkette um, in der Hoffnung dort einen Elchbullen zu finden. Die beiden Trophäen und das Wildbret fliegen zurück ins Hauptcamp.

Die nächsten Tage verbringen wir damit, von Aussichtspunkten die Umgebung abzuglasen und auf den Anblick eines starken Elchbullen zu warten. Wir sehen einige junge Bullen, die Pete mit dem Elchruf sogar bis auf fünfzig Meter heranholt. Aber es ist kein Schussbarer dabei. Hier ist der Anspruch hoch, jagt man doch auf den Alaska-Yukon-Elch, der hier  durchschnittlich Geweihe von 60 Inch (150 cm) Auslage hat. Nach drei Tagen hat Pete in diesem Tal keine Hoffnung mehr. Es scheint auch die Brunft noch nicht so richtig in Gang zu sein.  

Im Reich der Schneeziegen
So nehmen wir Kontakt mit dem Hauptcamp auf und am nächsten Vormittag kommt der Hubschrauber. Unser Ziel ist jetzt ein Gebirgszug zwanzig Flugminuten entfernt, der „Goat Mountains“ genannt wird. Dort wollen wir es auf Schneeziege versuchen. Zwischenzeitlich fängt es an zu regnen und der Pilot bangt um das Flugwetter, hat es eilig, um auch wieder zurückzukommen. Am Fuße eines Berges landet er mangels anderer Gelegenheit mitten in einem 20 cm tiefen Fluss. Wir springen über die Kufen ins Wasser, laden schnell unser Gepäck aus und tragen es auf eine Kiesbank im Fluss. Der Heli geht sofort wieder hoch und entschwindet zwischen den Bergen. Im Regen bauen wir eilig unsere Zelte auf und suchen darin Schutz. Als es etwas aufklart, können wir weit entfernt zwei Schneeziegen sehen und sind guter Hoffnung für den nächsten Tag, denn per Gesetz ist es verboten an einem Tag, and dem geflogen wurde, zu jagen.  

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf und marschieren ein Tal hoch. Senkrecht erheben sich die Felsen rechts und links viele hundert Meter. Erst am Ende des Tales besteht die Möglichkeit weiter aufzusteigen. Gegen Mittag erreichen wir bei einsetzendem Regen diesen Punkt. Pete hat Zweifel, ob wir den Aufstieg machen sollen, denn er ist verantwortlich für unsere heile und rechtzeitige Rückkehr. Jetzt mache ich etwas Druck und ermuntere ihn. Dies ist vielleicht meine einzige Gelegenheit, in die Nähe der Ziegeneinstände und zu einer Chance auf dieses Wild zu kommen. Pete gibt nach und wir steigen in kleinen Serpentinen und vielen kleinen Pausen zwei Stunden lang auf. Zunächst über Grashänge, dann Felsblöcke bis wir die Schneezone erreichen und in 20 cm tiefem Schnee auf den Grat gelangen. Selbst hier oben fährten wir frische Wolfsspuren. Wir steigen den Grat entlang und glasen immer wieder von oben in die Felsen auf der Südseite. Ich bin gerade dabei einen Energieriegel zu essen, als Pete, der direkt an der Kante geht, mich heranwinkt. Er streift sofort seinen Rucksack ab und bedeutet mir, heranzurobben und darauf aufzulegen. Wie ich dies tue, sehe ich schräg unter uns und auf 230 Meter auf einem Felsvorsprung eine Schneeziege stehen. Sie äugt bereits zu uns herüber. Pete zischt mir zu, es sei ein guter Billy und ich solle hochblatt schießen, damit er auf der Stelle bleibt. Ansonsten würde er wohl abstürzen und verloren sein. Wie das Absehen hochblatt steht drücke ich ab. Knall, Kugelschlag, aber keine weitere Reaktion. Ich schieße sofort noch mal, wieder Kugelschlag, aber keine Reaktion. Im dritten Schuss sehe ich etwas Fell am Forderlauf stauben. Der Billy dreht und ist mit einem Satz von dem Vorsprung unserem Blick entschwunden. Hinter und unter dem Vorsprung nur gähnende Tiefe. 

Pete meint, nur einen Laufschuss beobachtet zu haben und wir hätten somit keine Chance, die Schneeziege zu kriegen. Ich bin verzweifelt: diese seltene Gelegenheit und dann treffe ich nicht. Dabei war ich gut drauf, die Ziege im zehnfachen Glas auch gut zu bezielen. Kugelschlag war deutlich zu hören, aber dass das Wild überhaupt nicht reagiert hat, ist mir unerklärlich. Wir setzen uns auf unsere Rucksäcke im Schnee und warten eine halbe Stunde, obwohl die Zeit drängt. Mindestens fünf Stunden dauert der Rückmarsch. Dann brauchen wir nochmals eine halbe Stunde, um an den Anschuss zu gelangen, was in diesen steilen Felsen nur noch auf allen Vieren geht. Am Anschuss finden wir nichts, obwohl auch dort Schnee liegt, sich Schweiß gut abheben müsste. Vorsichtig gehen wir weiter vor und auf eine kleine Felsnase, die über den Abgrund ragt. Plötzlich sehen wir auf einem 20 cm schmalen Absatz unter uns einige Schweißtropfen und schon zieht die Schneeziege 50 Meter unter uns durch. Spitz von hinten und oben schieße ich, wobei Pete mich festhalten muss, und der Billy überschlägt sich zwei Mal, droht in den Abgrund zu stürzen. Wie durch ein Wunder bleibt er aber zwischen zwei Felsen über der Tiefe hängen. Wir erstarren: nur einen Zentimeter weiter oder noch mal geschlegelt und er wäre für immer verloren gewesen. Wir klettern zu ihm hinunter, sichern ihn als erstes mit einem Seil und machen uns gleich daran, das Cape und so viel Wildbret wie möglich zu bergen. Zwei Schüsse sitzen hinterm Blatt und durchschlugen die Lunge. Der austretende Schweiß wird allerdings gänzlich von dem über 20 cm dichten Fell aufgefangen. Unglaublich, wie schusshart dieses Wild ist. Wir lösen das Seil und der restliche Kadaver fällt in die Tiefe, wir hören nicht mal mehr einen Aufschlag. Wir verteilen das Haupt, die Decke und das Fleisch auf unsere Rucksäcke und machen uns auf den Rückweg. Eine dreiviertel Stunde später sind wir wieder oben auf dem Grat. Mittlerweile schneit es. Dann machen wir uns an den Abstieg. Weiter unten können wir auf feinsandigen Gerölllawinen den Hang abwärts surfen, was recht bequem und schnell geht. Im Tal angekommen marschieren wir wieder bei Regen vier Stunden bis zu unserem Camp. Wir kommen dort völlig durchnässt und müde, aber glücklich und dankbar an.

Nachts regnet es immer wieder, aber wir haben Glück, dass es morgens aufklart und uns der Hubschrauber abholen und ins Hauptcamp zurückfliegen kann. Dort angekommen sehen wir nach 11 Tagen die erste Dusche und die junge Köchin bereitet uns ein herrliches Menu mit Elchfilet, Gemüse und Kartoffeln zu. Hinterher Kuchen und echter Kaffee. Nach elf Tagen Trockennahrung weiß man das zu schätzen und langt kräftig zu. Gleichzeitig werden Kleidung, Zelte und Schlafsäcke getrocknet, denn am Nachmittag sollen wir schon wieder in ein Elchgebiet geflogen werden. Wir haben Tag 11 der 14-tägigen Jagd und die Zeit wird langsam knapp.

Im Elchgebiet
Wir werden in ein tiefer gelegenes, leicht hügeliges aber auch sumpfiges Gebiet geflogen. Ein ideales Biotop für Elche. Aufgrund der dicht stehenden Bäume finden wir nur schwer einen Landeplatz. Irgendwie gelingt es dem versierten Piloten aber doch immer wieder. Wir richten unsere Zelte ein und gehen früh schlafen. Der nächste Tag bringt herrliches, kaltes Wetter, ideal für die Elchbrunft. Nicht weit hinter unserem Camp versuchen wir es mit dem Elchruf und tatsächlich hören wir auch bald das eigentümlich helle, glucksende Geräusch eines brunftigen Schauflers. Auf 500 Meter sehen wir ihn zwischen den goldgelben Erlenbüschen auf uns zuziehen. Er ist stärker als die, die wir bisher sahen, aber Pete überlässt die Entscheidung mir. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Bedingungen günstig sind und wir noch eine andere Gelegenheit bekommen. So lassen wir diesen Bullen ziehen. Nachmittags entdecken wir einen anderen starken Bullen auf dem gegenüberliegenden Berg. Er kommt auch auf über 1.000 Meter auf den Elchruf. Da zwischen uns ein Tal ist, pirschen wir ihm entgegen. Wir hören ihn dann auch dicht vor uns, können ihn aber nicht sehen.

Unglaublich bei einem so großen Tier von 800 kg. Dann sehe ich die Schaufeln und höre das Brechen von Holz, wie er die Büsche bearbeitet. Ich springe von Baum zu Baum, um Schussfeld zu bekommen, aber es gelingt mir nicht. So dicht dran ist plötzlich nichts mehr zu hören und der Elch verschwunden. Wir sind enttäuscht und trotten zum Camp zurück. Nun fängt es auch noch an zu regnen und es regnet die ganze Nacht hindurch. Morgens regnet es immer noch und es ist so neblig, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. An Jagd ist nicht zu denken. So bleiben wir im Zelt, ganze 36 Stunden, was am 13. Tag so einer Jagd schon etwas an die Nerven geht.

Der 14. und letzte Jagdtag beschert uns wieder bestes Wetter. Mittags sehen wir auf über einen Kilometer im Gegenhang einen Elchbullen liegen. Es könnte derselbe von vorgestern sein. Auf Petes Ruf regiert er aber nicht. So bleiben wir am Platz und beobachten ihn, denn Pete hält ein Anpirschen in dem unübersichtlichen Gelände für aussichtslos. Zwei Stunden sitzen wir so dort und schauen hinüber. Es wird drei Uhr und mein letzter Tag ist bald zu Ende. Ich überrede Pete, es doch zu versuchen und gegen seine Überzeugung pirschen wir los. Es sei schließlich meine Jagd …. Im Tal und bevor wir den gegenüberliegenden Hang angehen, legen wir unsere dicken Jacken und Rucksäcke ab. So ganz geräuschlos kommen wir aber in den dichten Büschen doch nicht voran. Wie wir über einen kleinen zwischengelagerten Hügel kommen, erblicken wir im nächsten Hang auf etwa 350 Meter den Elch, der bereits aufgestanden ist und zu uns herüber äugt, obwohl wir in den dichten Büschen stehen. In den nächsten Sekunden wird er abspringen. Ich muss mich entscheiden und so pirsche ich schnell und ohne Rücksicht auf die Geräusche weiter vor zu einem Baum, vom dem aus ich wenigstens stehend angestrichen den Elch frei bekomme. Ob der Entfernung ziele ich indem ich den Querbalken des Absehens auf den Rücken lege und komme kurz hinterm Blatt ab. - Weder höre ich Kugelschlag, noch reagiert der Elch. Schnell feuere ich zwei weitere Schüsse ab, worauf der Elch sich wendet und den Hang hochzieht. 30 Meter weiter und er ist überriegelt. Zwischenzeitlich habe ich nachgeladen und komme noch mal zu Schuss, bevor er verschwunden ist.

Das ist schnell gegangen und mein Herz schlägt bis zum Hals. Pete holt zu mir auf. Auch er kann nichts über den Sitz der Schüsse sagen. Gefallen ist er auf jeden Fall nicht. Wieder warten wir lange 20 Minuten, bevor wir zum Anschuss gehen. 312 Meter sagt der Entfernungsmesser. Aber im Gegenhang können wir weder den Anschuss genau finden, noch Schweiß oder andere Pirschzeichen. Auch die Sichtweite in diesen dichten Büschen ist gering. So pirschen wir vorsichtig auf der anderen Seite des Hügels der ungefähren Fluchtrichtung nach. Hundert Meter weiter erblicke ich plötzlich zwischen den Büschen helle Schaufeln, die sich mit einem Ruck bewegen. Der Elch kommt hoch, aber wir können ihn nicht sehen. Jetzt laufen wir so schnell es geht vor und in einer Lücke komme ich auf den flüchtigen Elch hochblatt ab. 

Er zieht noch einige Meter weiter, bleibt stehen und fällt dann langsam um. Mit rasendem Puls treten wir an diesen Giganten heran. Allein der etwa 800 kg schwere Wildkörper ist beeindruckend und hat im Fallen einige armdicke Fichten wie Streichhölzer umgeknickt. Die Schaufeln ragen weit aus den Büschen und mit Ihren kurzen Enden oben und den starken Stangen weisen sie den alten Elch aus. Etwas über 60 Inch Auslage und knapp 25 kg Geweihgewicht messen wir später. Ich bin am Ziel meiner Träume quasi in letzter Minute und nur durch entschlossenes Vorgehen und etwas Mut zum Risiko angelangt. In zwei Stunden wird es dunkel und die Jagd wäre dann ohne Elch vorbei gewesen.

Wir informieren das Hauptcamp und sie schicken den Hubschrauber, um das Wild und uns raus zu holen. Bis dahin zerlegen wir den Elch und schlagen einen Landeplatz frei. Die vier ersten Kugeln haben die Kammer hinter dem Blatt getroffen, allerdings ohne Ausschuss. Das Wildbret wird in einem großen Netz geborgen und wir kommen im letzten Licht müde aber überglücklich wieder im Hauptcamp an. Hier treffen wir beim gemeinsamen Abendessen weitere Elchjäger, die auch ihre Elche erlegt haben. Noch lange werden an diesem Abend die Erfahrungen ausgetauscht und das eine oder andere Bier getrunken (die ersten seit 14 Tagen!). 

Am nächsten Tag kommt die Cessna aus Fort Simpson, um uns auszufliegen und neue Jäger zu bringen. Etwas Wehmut liegt über dem Abschied und wie die Maschine über den Fluss und gegen die Berge steigt, wird einem wieder bewusst, wie schnell doch die Zeit vergeht. Herrliche, anstrengende Jagdtage in unberührter Natur liegen hinter mir. Erst im Laufe der Zeit und bei Gesprächen mit anderen Jägern wird einem klar, wie viel Glück man doch gehabt hat, reife und starke Trophäen der vier Hauptwildarten der Mackanzie Mountains erbeutet zu haben. Heute erfreuen und erinnern mich täglich erstklassige Präparate an diese Jagd, von der man noch sehr lange zehrt. 

NB 

Flug ins Hauptcamp
Landkarte Kanada
Buschflugzeug
Karibu, NWT, Kanada
Abglasen der Berge
gutes Dallschaf
Spike Camp NWT
Elchschaufler in der Brunft
Bergwelt Mackenzie Mountains
Bergpirsch im Schnee
erlegte Schneeziege
Schneeziegenjagd
Rufjagd zur Elchbrunft
Elchjagd Kanada
Hubschraubertransport
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